sport hat geholfen
Wohlauf

Sport hat mir geholfen

Ruth Eichen­hofer (Jahrgang 1918) war zwar nicht Teilneh­merin der Olympiade 1936, erinnert sich aber an die eigenen sport­lichen Heraus­for­de­rungen in Ihrer Jugend- und Schulzeit. Berlin war voller auslän­di­scher Gäste, die Nazis hatten den Vorhang kurz gelüftet.

Im Jahre 1936 war Olympiade in Berlin. Wir Jugend­liche waren begeistert, denn nach drei Jahren Nazi-Herrschaft öffnete sich der Vorhang und viele Nationen aus der ganzen Welt besuchten die damalige “Reichs­haupt­stadt”. Der Sport war Haupt­ge­sprächs­thema in der Schule, auf der Straße, in den Sport- und Schwimmhallen. 

Auch ich trainierte drei bis vier Mal pro Woche im Freischwimmer-Bad Brust- und Rücken Crawl. Gisela Arendt, die deutsche Meisterin vom berühmten Schwimmclub “Charlot­ten­burger Nixen” war mein Vorbild. Die Schule war nicht mehr so wichtig. Zuerst hatte ich dort Defizite, aber das Pensum sah ich plötzlich mit anderen Augen an, denn schließlich wollte ich, wie schon bei zwei Bezirks-Meister­schaften im Schwimmen, auch dort einen guten Platz erreichen. Es gelang mir dann doch, in der Schule unter die drei Besten zu kommen. Unsere Chancen, einen Arbeits­platz zu bekommen, waren im Gegensatz zu heute, großartig. Ich konnte, was sich heutige Schul­ab­gänger nicht vorstellen können, 12 Angebote ablehnen. Wir mussten fleißig sein; 45 Arbeits­stunden in der Woche und 12 Tage Jahres­urlaub waren normal. Ich habe mich, wie man so sagt, nach oben gearbeitet. Franzö­sisch nahm ich bei einer Belgierin, Englisch bei einer in unserem Haus wohnenden Engländerin.

Ein von mir sehr geschätzter Kollege fiel im Osten
Mit 24 Jahren ging ich regel­mäßig in Frankfurt zum Rudern. Der Club hieß “Freiweg”. Ich saß im Doppel-Vierer, Zweier, Achter. Auch im Einer versuchte ich mein Glück auf dem Main, kenterte, brachte aber das wertvolle Rennboot mit Crawl-Beinschlag bis zu unserem Bootshaus. Auf dem “Eisernen Steg”, der wunder­schönen Jugend­stil­brücke über den Main, sahen zahlreiche Passanten zu, wie ich das Boot Main abwärts dirigierte. Unter­dessen tobte der zweite Weltkrieg. Ein von mir sehr geschätzter Kollege fiel im Osten. Männer, die sich für mich inter­es­sierten, waren meistens verhei­ratet und es ärgerte mich, wenn sie sich als ledig ausgaben. Als ich meinen nachma­ligen Mann kennen lernte und er sich mit mir verab­reden wollte, bestand ich auf Einsicht in sein “Soldbuch”, obwohl Soldaten diesen Ausweis Zivilisten nicht zeigen durften. Die vielen “unglücklich Verhei­ra­teten” waren mir allmählich ein Gräuel. Mein Mann wurde nach Russland abkom­man­diert, von wo er mir Briefe und Zeich­nungen mit Bleistift oder Kohle von wunder­schönen Barock­kirchen aus Minsk und Wilna schickte, oder mit Buntstift gezeichnete Straßen­szenen. Mir gefiel diese Art sich mitzu­teilen in schwerer Zeit, wo es auch bei uns in der Heimat um Leben und Tod ging.

Ich konnte, was sich heutige Schul­ab­gänger nicht vorstellen können, 12 Arbeits­an­gebote ablehnen.

Sport hat mir immer geholfen, meinem Geist und meinem Körper. Mit 40 war ich Mutter zweier Söhne. Das mit dem Geld meiner Mutter geerbte Haus befand sich im Rohbau. Es gab für mich eine Menge zu tun, da ich für das Geschäft meines Mannes auch viel Zeit inves­tierte. Sport trieb ich weiterhin, Gymnastik und Schwimmen, sowie Bergwandern waren mir wichtig. Ich kann aber sagen, dass das Leben zwischen 45 und 65 sehr fruchtbar und erfolg­reich war. Die 40 Jahre Ehe sind schnell vergangen. Die Söhne gingen aus dem Haus. Mein Mann starb an einer schweren Krankheit, Freunde gingen viel zu früh; aber ich habe durch den Sport gelernt, nicht zu resignieren, meine Zukunft sportlich zu sehen, nicht aufzu­geben, Traurigkeit und Mutlo­sigkeit nicht aufkommen zu lassen. Rückbli­ckend war mir die Mutter­schaft, die Erziehung meiner Kinder, später zum Teil der Enkel, das Zusam­men­halten der Familie und des Vermögens, welches durch richtiges Einteilen und Fleiß entstand, wichtig.

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Heimkehr ins geliebte Berlin; mit Dank an meinem Sohn
Nun wollte ich in vorge­rücktem Alter den mir inzwi­schen unsym­pa­thisch gewor­denen Wohnort verlassen und woanders ein neues Leben anfangen. Mein jüngster Sohn hat meinen Wunsch verstanden, dass ich in Ulm keine Wurzeln schlagen wollte, sondern mir wieder Berlin als Wohnort wünschte. Er hatte meine jetzige Wohnung in unwahr­scheinlich kurzer Zeit gefunden und meinen Geschmack hinsichtlich der Lage getroffen. Ich bin ihm dankbar dafür. Ich kann die Zeit, die mir noch zum Leben bleibt, so genießen wie einen Urlaub nach langer harter Arbeit. Jetzt habe ich viel Zeit, denn meine Behausung ist kleiner und übersicht­licher, manchen Ballast konnte ich abwerfen oder verschenken. Kinder muss ich nicht mehr erziehen. Zum Glück sind meine Augen noch gut, dass ich mehrere Stunden am Tag lesen kann. Bücher leihe ich mir in unserem Rathaus Charlot­tenburg, einem Jugend­stilhaus, das unter Denkmal­schutz steht. Für den “Zeitzeu­gen­brief” der Berliner Zeitzeu­gen­börse schreibe ich Buchemp­feh­lungen oder Rezen­sionen. Ich bin zu meinen Wurzeln in Berlin “heimge­kehrt”. Zufrie­denheit ist doch schließlich auch ein Seelen­zu­stand wie Freude an der Natur, an Tieren, Pflanzen und an einem harmo­ni­schen Mitein­ander im Haus.

Angst machen, ein profi­tables Geschäft
Angst, ein Phänomen, das heute bei Jung und Alt häufig anzutreffen ist, kenne ich nicht. Ich lasse mir auch keine Angst von Medien, Versi­che­rungs- gesell­schaften, Ärzten, Apothekern und Pfarrern – die vom Ängstigen leben – Angst machen. Ich nehme das Leben, wie es ist, dazu gehört auch, mit Schmerzen zu existieren, solange es geht. Angst würde auch den Geist verwirren, die Aktivität weiter lähmen und die Lebens­qua­lität mindern.

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